Namaste! Ein wenig Yoga-Tradition… Besonders in Zeiten von Yoga-mit-Kaninchen, Jägermeister-Yoga und Schwarzlicht-Golf-Yoga lohnt sich der Blick in die etwas ältere Literatur. Manchmal. Vielleicht auch häufiger. Ihr wisst ja… Yoga das ist der Weg zum wahren Selbst. Nunja. Für manche ist das ein achtgliedriger Pfad, der erst mit zweimal Ethik beginnt und dann erst bei den Asanas ankommt. Stufe drei quasi. Für viele fleißige Schüler ist der Einstieg über die Körperlichkeit der Yogahaltungen der einfachste. Wieso schauen wir nicht einmal nach, welche Regeln die “Überlieferungen” so mitbringen?

Der Ort der Praxis sollte sauber und ruhig sein.

Die eigentliche Anforderung ist, dass der Ort der Praxis frei von Ungeziefer ist. Bis auf einen Aufenthalt in Norditalien hatte ich nie das Problem mit unseren kriechenden und krabbelnden Freunden. Dennoch. Es praktiziert sich gut in einer aufgeräumten Umgebung. Mal unabhängig von Käfern und Fliegen. Das hat vielleicht mit dem Innen und dem Außen zu tun. Eine geordnete Umgebung hat oft einen Einfluß auf die Ordnung im Geist. Also nur Mut! Die Yogabücher von der Matte nehmen und in einem passenden Abstand stapeln oder besser noch ins Regal stellen.

Vor der Praxis bitte ein wenig Körperpflege und auf Toilette gehen.

Es passiert jedem. Irgendwann kommen die Vorbeugen und man merkt, wie viel Platz der grüne Smoothie von vorhin jetzt in der Blase einnimmt. Das ist nicht schlimm. Daheim ist das kein Problem. Und draußen auch nicht. Der tapfere Yogi in der Yogaschule fasst sich ein Herz und verlässt für ein paar Minuten und vor allem ohne großes Tammtamm den Übungsraum. Nur um erleichtert und pünktlich zu Urdhva Dhanurasana wieder zu kommen. Ein Toilettengang vor der Praxis kann einem diese Unterbrechung ersparen. Man muss eventuell das Socializing for der Stunde um ganze zwei Minuten kürzen.

Die Shakti ist eine Urkraft, die auf wohlriechende Körper steht. Sich vor beziehungsweise nach der Praxis ein wenig zu erfrischen gehört zum guten Ton. Es muss ja nicht jedes Mal das Vollbad sein. Und ja… Eigentlich sollte allen Menschen in der Umgebung das Wort Pratyahara ein Begriff sein. Da muss man aber nicht absichtlich eine Challenge draus machen.

In den drei Stunden vor der Praxis wird nichts gegessen.

Dafür kann es mehrere Gründe geben. Einer ist Agni. Agni ist der vedische Feuergott und steht sinnbildlich für das Verdauungsfeuer. Dieses brennt nach Mahlzeiten lichterloh und für eine gewisse Zeit. Und das kostet Energie. Der verdauende Körper hat weniger Kraft für den Handstand. Speaking of which… Im Handstand oder allerspätestens in der Heuschrecke merkt man, dass man die große Portion Kitchari doch besser nach der Praxis hätte essen sollte. Und macht euch keine Sorgen wegen einer vermeindlichen Schwäche bei der Praxis auf nüchternen Magen. Der Körper findet bei Bedarf und in höchster Not (siehe Virabhadrasana 3) noch ein paar Reserven. Ich habe das innerhalb von drei Stunden Praxis insgesamt drei Mal erlebt. Und hier bin ich und schreibe brav diesen Artikel.

Neti vor der Praxis kann sich lohnen.

Jala Neti – die klassische Nasendusche – oder Sutra Neti – Faden durch die Nase rein und aus dem Mund wieder raus. Beides reinigt die oberen Atemwege ungemein. Das ist gut, denn Asanas praktiziert man meist mit geschlossenem Mund. Und wer einmal in Berlin gewohnt hat, weiß wie viel Stadt sich so in den Nebenhöhlen im Laufe eines einzigen Tages ansammeln kann. Besser nach der Nasendusche ein wenig Kapalabhati oder Bhastrika machen. Das trocknet. Und wenn man gut ist, tropft es nicht beim ersten Adho Mukha Svanasana salzig und lauwarm auf die geliebte Matte. Auch das darf passieren. Paranasal Malfunction.

Die beste Zeit für die Praxis ist am frühen Morgen.

Also direkt nach dem Melken der Mandeln für den frühen, gewaltfreien Cappuccino. Warum? Tausend Gründe. Ich bevorzuge den hier: Wenn man morgens direkt nach dem Bett auf die Matte geht, hat der Geist noch nicht genügend Schwung zum Protestieren. Und das kann auch eine kleine Übung in Disziplin sein. Ja, abends sind die Glieder flexibler. Aber da ist man oft schon zu erschöpft von den Ansprüchen des Alltags.

Die Dauer der Praxis sollte sich nach der zur Verfügung stehenden Zeit richten.

Wer als Normalsterblicher den Anspruch hat, jeden Tag 90 Minuten zu praktizieren wird eines schnell merken: Nach drei Tagen ist die Luft raus. Die Willenskraft wirft sich dann recht schnell selbst aus dem Fenster. Besser ist es, jeden Tag 15 Minuten zu praktizieren. Das macht einiges aus und man kommt seinen yogischen “Pflichten” nach. Sthirasukamasanam.

Während der Praxis sollte man nicht zu müde sein.

Siehe Praxis am frühen Morgen. Wer sich morgens um 5 wackelig und mit Streichhölzern zwischen den Lidern auf die Matte begibt, muss sich nicht wundern, in Salamba Sirsasana einzuschlafen. Ein wenig Müdigkeit ist recht. Aber gegen den großen Bruder hilft halt nur das Bett und kein Spiritual Warrior.

Keine Asanas machen während man erkältet ist.

Wenn der Körper mit einer Erkältung beschäftigt ist, ist er mit einer Erkältung beschäftigt. Tautologie. Er braucht seine Kraft für die Heilung. Da sind Asanas eher kontraproduktiv. Wenn der Kopf innerlich rotiert und die Lunge blechern klappert ist Asana das letzte, was der Körper gebrauchen kann. Wenn die Erkältung schon fast auskuriert ist kann man getrost mal ein wenig Pranayama praktizieren. Erst wenn man wieder Kraft hat lohnen sich die ersten Sonnengrüße.

Keine Asanas machen, während man Durchfall hat.

Ungläubige dürfen das gerne ausprobieren…

Asanas sind kein Wettbewerb.

Die hauptberufliche Tänzerin neben dir ist kein Maßstab. Und der angehende Yogalehrer vor dir schwebt eh grad in anderes Sphären. Beim Yoga kommt es drauf an, sich maßvoll ab und zu selbst zu überwinden. Und nicht die Mattennachbarn. Die haben eh alle andere Voraussetzungen. Die sind meistens mit dem nackten Überleben beschäftigt. Wie du.